Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ)

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DIE LEITGEDANKEN DER STIFTUNG EVZ

Verabschiedet am 20. Januar 2005 vom Kuratorium der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“

1.

Die Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“ (EVZ) bezeugt die politische und moralische Verantwortung von Staat, Wirtschaft und Gesellschaft fĂŒr das nationalsozialistische Unrecht. Diese Verantwortung findet ihren materiellen Ausdruck im Gesetz zur Errichtung dieser Stiftung, das eine humanitĂ€re Geste gegenĂŒber ĂŒberlebenden ehemaligen Sklaven- und Zwangsarbeitern und anderen NS-Opfern ermöglicht.

Die Geldmittel wurden durch eine Gemeinschaftsinitiative von Wirtschaft, Staat und Gesellschaft aufgebracht, die in der Geschichte der Bundesrepublik Deutschland ohne Beispiel ist. Sie ist Ausdruck der Verantwortung und des Gedenkens an alle Opfer des nationalsozialistischen Unrechts, wie die verfolgten und verschleppten Sklaven- und Zwangsarbeiter und die ermordeten Juden, Sinti und Roma, deren Lebensgrundlage, Kultur und Weltanschauung fĂŒr immer ausgelöscht werden sollten. Dies schließt insbesondere jene ein, die durch die nationalsozialistische Politik der „Vernichtung durch Arbeit“ zu Tode kamen.

Sieben Prozent des Stiftungsvermögens sind mit Zustimmung aller an der GrĂŒndung Beteiligten einer Kapitalstiftung zur VerfĂŒgung gestellt worden, deren Existenz und FördertĂ€tigkeit die historische Verantwortung Deutschlands auf Dauer bekunden soll. Dieser Fonds steht auch fĂŒr jene Opfer von Zwangsarbeit, die die Errichtung der Stiftung nicht mehr erlebt haben.

Die Stiftung EVZ fördert mit ihren Mitteln wegweisende Projekte, die es ermöglichen, im Lichte der Erinnerung an die Schrecken des nationalsozialistischen Unrechts Lehren aus der Vergangenheit fĂŒr Gegenwart und Zukunft zu ziehen.

2.

Die Stiftung EVZ hĂ€lt die Erinnerung an die Opfer des Nationalsozialismus – insbesondere durch Projekte fĂŒr die Überlebenden – fĂŒr kommende Generationen wach. Sie fördert Projekte, die den heranwachsenden Generationen eine vertiefte Auseinandersetzung mit der Vergangenheit ermöglichen und zu praktischem demokratischen Handeln anregen. Dabei geht es vorrangig darum, die aktive Auseinandersetzung mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in den Mittelpunkt zu stellen: durch persönliche Begegnungen mit Zeitzeugen und durch das GesprĂ€ch zwischen den Generationen, durch Nutzung neuer Medien, aber auch die entsprechende Fortbildung von Multiplikatoren, wie von Lehrerinnen und Lehrern.

Die Stiftung EVZ trĂ€gt zur Aufarbeitung nationalsozialistischen Unrechts mit dem Schwerpunkt der Geschichte der Sklaven- und Zwangsarbeit bei, indem sie die vielfĂ€ltige Dokumentation von Lebenszeugnissen der Überlebenden unterstĂŒtzt. Die Erinnerungen aus erster Hand sollen der Öffentlichkeit zugĂ€nglich gemacht werden und als Grundlage fĂŒr die Vermittlung der Lehren des Holocaust dienen.

Ferner will die Stiftung EVZ Projekte ermutigen, die es Überlebenden des nationalsozialistischen Unrechts ermöglichen, das Engagement der jungen Generation nachhaltig zu wecken. Die Stiftung EVZ kann in besonders begrĂŒndeten FĂ€llen wissenschaftliche Vorhaben fördern, sie sieht ihre Aufgabe jedoch vor allem in der historisch-politischen Bildung junger Menschen. Dabei bezieht sie auch die Zeit nach 1945 ein, in der in Deutschland und anderen Staaten wichtige Lehren, insbesondere aus der nationalsozialistischen Vergangenheit, gezogen wurden.

Die Stiftung EVZ wird darauf hinwirken, dass ĂŒber die Wissensvermittlung zu den Themen Nationalsozialismus, Holocaust und Zweiter Weltkrieg hinaus in den Schulen und in der freien Jugendarbeit demokratisches Handeln, Mitverantwortung fĂŒr das Gemeinwesen und fĂŒr die Achtung der Menschenrechte vor dem Hintergrund begangenen Unrechts praktisch eingeĂŒbt werden. Die Stiftung EVZ will einen Beitrag zur Herausbildung eines auf gemeinsamen Werten beruhenden GeschichtsverstĂ€ndnisses leisten.

3.

Die Stiftung EVZ ermutigt internationale und interkulturelle Projekte, die sich mit der Entstehungsgeschichte und den Methoden der nationalsozialistischen Ideologie und der Bedrohung durch totalitÀre Systeme und Gewaltherrschaft und deren Folgen differenziert auseinandersetzen.

Die Nationalsozialisten verfolgten Menschen, indem sie ihnen aufgrund ihrer vermeintlichen Rasse oder ethnischen Herkunft, ihrer Sprache, ihrer Religion, ihrer Weltanschauung, ihrer Behinderung, ihres Geschlechts, ihrer sexuellen IdentitĂ€t oder ihres sozialen Status einen unterschiedlichen Wert zuschrieben. Die Stiftung EVZ fördert daher Initiativen, die geeignet sind, die WĂŒrde und Rechte von Menschen zu stĂ€rken und damit ihre Emanzipation zu fördern.

Das Wiedererstarken von Antisemitismus, Holocaustleugnung, Fremdenfeindlichkeit und extremistischen Gruppierungen unterstreicht die Dringlichkeit, geeignete AufklĂ€rungsmaßnahmen ĂŒber den Zweiten Weltkrieg und den Holocaust weiter zu entwickeln und zielgruppengerecht umzusetzen. Die Stiftung EVZ will sich fĂŒr AufklĂ€rungsprojekte mit hohem Multiplikatoreneffekt einsetzen. Sie schlĂ€gt eine BrĂŒcke von der Vergangenheit in die Zukunft, indem sie Menschen bestĂ€rkt, historisch bewusst fĂŒr VölkerverstĂ€ndigung, Demokratie und Menschenrechte sowie den Schutz von Minderheiten einzutreten. Dazu gehört das gemeinsame Engagement gegen alle Formen von Antisemitismus, Rassismus und Fremdenfeindlichkeit. Dazu zĂ€hlt auch die Auseinandersetzung mit Fragen der Friedenssicherung und der Bewahrung des Rechtsstaates. Es gilt, aufflammendem Nationalismus und zunehmender religiöser Intoleranz entschieden entgegen zu treten.

4.

Die Stiftung EVZ fördert internationale humanitĂ€re Projekte, die vor allem den Überlebenden des nationalsozialistischen Unrechts dienen. Sie sollen die Einbeziehung junger Freiwilliger ermöglichen. Dabei gilt es, nachhaltige Wirkungen durch die Förderung beispielhafter Projekte zu erzielen.

Die Stiftung EVZ will Initiativen bestĂ€rken, die zusĂ€tzlich praktische SolidaritĂ€t ĂŒben mit Ă€lteren Menschen, die unter der Grausamkeit der nationalsozialistischen Herrschaft und anderer Diktaturen gelitten haben. Die Stiftung EVZ will auf die Situation der Überlebenden in den SchwerpunktlĂ€ndern hinweisen und den internationalen Erfahrungsaustausch in der Arbeit mit den Opfern fördern. Sie kann durch Anschubfinanzierungen Menschen zur Selbsthilfe ermutigen und die SolidaritĂ€t in den Gesellschaften dieser LĂ€nder stĂ€rken.

5.

Die Stiftung EVZ kann dazu beitragen, historische Dokumente, die sich auf den Holocaust und das jĂŒdische Leben vor dem Holocaust beziehen, zu sichern. Dabei steht die Nutzung dieser Dokumente fĂŒr die Öffentlichkeit im Vordergrund.

FĂŒr die Nachfahren der Sklaven- und Zwangsarbeiter ist es von großer Bedeutung, ihre Geschichte kennen zu lernen und die Kultur, die ausgelöscht werden sollte, an die kĂŒnftigen Generationen in Europa, Israel, in den Vereinigten Staaten und in der ganzen Welt zu vermitteln. So sollen der Aufbau bzw. Wiederaufbau der von der nationalsozialistischen Diktatur verwĂŒsteten Strukturen des jĂŒdischen Lebens in Europa gestĂ€rkt werden.

6.

Die Stiftung EVZ unterscheidet sich von anderen öffentlichen oder privaten Fördereinrichtungen durch ihre internationale Reichweite: Ihre Intention ist, Beziehungen zu stiften und partnerschaftliche Zusammenarbeit zu fördern zwischen Menschen in Deutschland und in den LÀndern Mittel- und Osteuropas, die unter den Nationalsozialisten besonders gelitten haben, sowie zu Israel und zu den USA und anderen LÀndern, in denen heute NS-Opfer und ihre Nachfahren hauptsÀchlich leben. Dabei sucht die Stiftung EVZ die enge Kooperation mit anderen Stiftungen und weiteren Organisationen.

Die Stiftung EVZ begrĂŒndet mit ihren Förderprogrammen in Deutschland und in den betroffenen LĂ€ndern eine zusĂ€tzliche Chance, dass junge Menschen ihre interkulturellen Kompetenzen stĂ€rken und moderne Kommunikationsformen nutzen. Besondere Aufmerksamkeit sollten dabei dem interreligiösen Dialog sowie dem GesprĂ€ch zwischen den Generationen gewidmet werden.

7.

Eine wichtige Lehre aus der Geschichte besteht darin, dass zivilgesellschaftliche Strukturen wichtige Garanten fĂŒr Demokratie, Menschenrechte und VölkerverstĂ€ndigung sind. Die Stiftung EVZ ermutigt deshalb zu bĂŒrgerschaftlichem Engagement ĂŒber LĂ€ndergrenzen hinweg. Sie will durch lĂ€nderĂŒbergreifende Vernetzung von BĂŒrgerinitiativen und UnterstĂŒtzung von bĂŒrgerschaftlichem Engagement auf dem „grassroots level“ einen spezifischen Beitrag zur Bildung einer BĂŒrgergesellschaft leisten, die fĂŒr konkrete Hilfsbereitschaft und SolidaritĂ€t steht.

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